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Technik in der Pflege - wie viel darf's denn sein?

Praktikerinnen testen Technik: Marlene Klemm, Tanja Dittrich und Jacqueline Würdig vom Pflegepraxiszentrum Nürnberg zeigten Exoskelette für den Pflegeeinsatz.

Dass Technik irgendwann den Mangel an Pflegekräften beheben kann, bleibt ein Traum. Ob es eher ein Wunsch- oder ein Albtraum ist, darüber kann man viel diskutieren. "Roboter (er-)leben" hieß der Titel der 7. Fachtagung Technik - Ethik - Gesundheit, zu der wieder die Evangelischen Hochschule Nürnberg gemeinsam mit der Evangelischen Akademie Tutzing eingeladen hatte. Was technisch möglich ist, zeigten Entwickler wie Prof. Timo Götzelmann und Julian Kreimeier von der TH Nürnberg Georg Simon Ohm, die an virtuellen 3D-Modellen für Menschen, die blind sind, forschen. Wenn sie sich zuvor ein Gebäude als Simulation mithilfe des Blindenstocks einprägen, kommen sie in der Realität auf ihren Wegen besser zurecht, so der Ansatz. Anders ist der Einsatz von Technik direkt in Pflegesituationen: So viel das "Ambient Assistent Living", also die technischen Hilfsmittel im Haus, auch versprechen: Die menschliche Zuwendung, die auch während kleinerer Hilfestellungen wie dem Rollstuhlschieben geschieht, können Maschinen nicht ersetzen, so das Fazit. Technik-Forschende wie die Elekrotechnikerin Prof. Dr. Ing. Petra Friedrich von der TH Kempten und der Robotiker Prof. Jochen Steil (TU Braunschweig) trafen auf GeisteswissenschaftlerInnen wie Dr. Doris Fölsch und den Leiter des EVHN-Instituts für Pflegeforschung, Gerontologie und Ethik, Prof. Arne Manzeschke, die die ethische Sicht auf die Entwicklungen beisteuerten.

Dass mehrdimensional steuerbare Pflegebetten oder Exoskelette, die Pflegende beim Heben entlasten, eine Wohltat sein können, stand außer Frage. Die Folgen in der Praxis sind jedoch bedenkenswert: Wie viel Zeit hat die Pflegekraft, um das Gerüst aus Gummibändern an- und abzulegen? Wie wird es gereinigt? Wer kann ein so teueres Pflegebett bezahlen? Details wie diese sind von den Entwicklern oft noch nicht gelöst. Erfahrene Praktiker und Anwenderinnen sind da auch für die Wissenschaft eine wichtige Hilfe. Davon konnten die Kolleginnen vom Pflegepraxiszentrum Nürnberg eindrucksvoll berichten. Lange nicht alles, was technisch möglich ist oder entwickelt wird, entspricht dem, was Pflegende und Pflegebedürftige im Alltag brauchen. Und dass niedliche Roboter wie Pepper und Paro nette Begleiter und Unterhalter, aber kein Ersatz für menschliches Personal sind, war Konsens unter den TagungsbesucherInnen.

Wie Menschen mit Maschinen interagieren, welche sozialen Regeln sie dabei intuitiv anwenden und damit die Technik unvermittelt vermenschnlichen - darüber forschen der Theologe und Anthropologe Prof. Arne Manzeschke (EVHN) und der Robotiker Prof. Jochen Steil (TU Braunschweig) gemeinsam im Projekt OrDiLe. Ihre wichtigste Erkenntnis ist zugleich eine wiederkehrende Frage: Wer designt die Roboter und welche Standards, Normen und Voraussetzungen bringt er/sie dabei ein? Denn der kindliche Augenaufschlag oder die Stimme in mittlerer Tonlage sind Ergebnis von bewussten Entscheidungen der Entwickler-Teams. All das sollte man berücksichtigen, wenn man über die Hightech-Buddies im Krankenzimmer nachdenkt.

Eines hat die Tagung - z.B. beim Vortrag der Pflege-Praktikerin und Ethikerin Doris Fölsch - wieder eindrucksvoll bestätigt: Die Pflegekräfte sehen sich nicht als roboterhafte Dienstleister. Sie sind im besten Fall einfühlsame, professionell arbeitende BegleiterInnen der Menschen - sofern sie die Zeit dazu bekommen. Die Fachtagung Technik - Ethik  - Gesundheit gab so Studierenden wie WissenschaftlerInnen, Pflegekräften und VertreterInnen der Betroffenengruppen (z.B. vom Nürnberger Seniorenrat) viele Fragen, aber auch viel Bedenkenswertes mit.