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„Der Sozialarbeiter/die Sozialarbeiterin in der Hosentasche“

Wie kann die Soziale Arbeit den digitalen Wandel der Gesellschaft gestalten? Dieser Frage ging der Fachtag Social Work cares! nach, der vom Bachelorstudiengang Soziale Arbeit am 11.06.2021 veranstaltet wurde. 150 Teilnehmende aus Wissenschaft und Praxis wählten sich aus Deutschland, Österreich und der Schweiz virtuell in die Evangelische Hochschule Nürnberg ein. Das große Interesse am Fachtag zeigt, dass die digitale Transformation endgültig in der Sozialen Arbeit als Thema angekommen ist. Sicherlich wirkt die Corona-Pandemie dabei als eine Art Crash-Kurs, der allen vor Augen führt, dass sich das Thema nicht mehr „weghoffen“ oder auf die Frage virtueller versus analoger Kommunikation reduzieren lässt.

Digitale Transformation bedeutet mehr: Sie betrifft zum Beispiel die Datensouveränität der Klientinnen und Klienten. Denn was passiert eigentlich, wenn über die Standortübertragung von Smartphonen erkennbar wird, dass eine Klientin oder ein Klient eine sozialarbeiterische Beratungsstelle aufsucht? Weiter wirft sie die Frage auf, was die Soziale Arbeit eigentlich dazu legitimiert, sich in digitalen Rückzugsräumen von Jugendlichen einzubringen und diese so auch zu überwachen. Solchen und ähnlichen Fragen widmeten sich Praktikerinnen und Praktiker, Studierende und Forschende, wobei der Schwerpunkt auf der Kinder- und Jugendhilfe lag.

Wie auch immer man gegenüber Plattform- und Messenger-gestützten digitalen Welten eingestellt sein mag: Sie sind selbstverständlicher Teil kind- und jugendlicher Lebenswelten, die als Element von Digital Streetwork online erkundet und bespielt werden. Diese Form der aufsuchenden Sozialen Arbeit geht dorthin, wo Diskursarenen etwa um einflussreiche Gamerinnen und Gamer entstehen, die mit menschen- und frauenverachtenden Meinungsbildern auf das Weltbild der Nutzerinnen und Nutzer einen großen Einfluss ausüben. Um dem mit Aktionen und Gegenreden entgegen zu treten, diskutieren zum Beispiel  Sozialpädagoginnen und -pädagogen des Projektes „Good Gaming – Well played Democracy“ der Amadeu Antonio Stiftung auf den einschlägigen Plattformen mit. Diskurse der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit werden dabei in Frage gestellt, um die Perspektiverweiterung der Adressatinnen und Adressaten anzuregen. Die Ansätze sind vielversprechend, machen aber deutlich, dass hier viel mehr investiert werden müsste.

Spielerische Elemente können darüber hinaus auch Persönlichkeitsentwicklungsprozesse befördern. Eine noch laufende Studie von Benjamin Löhner zeigt, dass der Einsatz von spielerischen Methoden wie um Beispiel  „Actionbound“ jugendliche Drogenkonsumentinnen und -konsumenten motiviert, sich mit der eigenen Geschichte als Drogengebraucherin oder -gebraucher, mit Konsumgewohnheiten, persönlichen Fähigkeiten sowie Änderungsperspektiven auseinanderzusetzen.

Eine explorative Studie von Studierenden der EVHN zeigt auf, dass Sozialarbeiterinnen und -arbeiter sowohl Chancen als auch Grenzen in der digitalen Jugendarbeit während des ersten Lockdowns sahen. Beispielsweise schafft der digitale Raum neue überregionale Zugänge zu Menschen, andererseits waren einige bestehende analoge Zugänge zu jungen Menschen verloren. In der Diskussion sprachen sich die Teilnehmenden aus Praxis und Forschung für gezielte und begleitende digitale Angebote auch über die Pandemie hinaus aus. Dass der Digitalisierung jene zwei Seiten innewohnt, bestätigte auch der Bericht aus der stationären Kinder- und Jugendhilfe des Annakollegs.

Neben Konsequenzen für die Professionsentwicklung verdeutlichten die Beiträge, dass die Digitalisierung in der Sozialen Arbeit auch ein Thema für die Hochschulbildung ist. Der digitale Wandel schreitet so rasch voran, dass eine digitale Bildung notwendig ist, die die Basis für den professionellen Umgang mit der digitalen Transformation grundlegend ermöglicht.

Ein besonderer Dank gilt den Studierenden des Wahlpflichtfachs, die den Fachtag gemeinsam mit Prof. Dr. Carolin Freier, Prof. Dr. Martin Nugel und Prof. Dr. Michael Appel vorbereitet und durchgeführt haben. Von der studentischen Expertise in den Panel-Beiträgen waren viele Teilnehmende begeistert.

Ausgewählte Beiträge finden sich demnächst auf dem youtube-Kanal der Evangelischen Hochschule Nürnberg.

 

Text: Prof. Dr. Martin Nugel, Foto: pixabay