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Besuchsverbot durch Corona - weitreichende Auswirkungen auf Patienten, Angehörige und Pflegende

Hinweisschild am Eingang einer Klinik

Was passiert, wenn Kommunikation nicht mehr wie gewohnt stattfinden darf?

Durch den Besuch ihrer Angehörigen erhalten Patientinnen und Patienten Kontakt zur Außenwelt. Sie können sich für diese Zeit in ihren privaten Bereich und in ihre Rolle in der Familie zurückziehen. Was aber passiert, wenn Kommunikation nicht mehr wie gewohnt stattfinden darf? Welche Auswirkungen das (vormalige) Besuchsverbot aufgrund der Corona-Pandemie auf die Kommunikation zwischen Patienten und Angehörigen hat, untersuchten fünf Studierende im 7. Semester des Studienganges Angewandte Pflegewissenschaften an der Evangelischen Hochschule Nürnberg.

Nicht nur die Patientintinnen und Patienten profitieren vom regulären Besuch der Angehörigen, auch die Angehörigen selbst und die Pflegekräfte erleben die Zeit der Besuche positiv. Im Interview berichteten vier Pflegekräfte einer Neurologischen Frührehabilitation, dass Angehörige während der Besuchszeit Informationen über das allgemeine Befinden erhalten und sich selbst und ihrem kranken Angehörigen das Bedürfnis nach Nähe erfüllen und ihn im Genesungsprozess unterstützen.

Durch das Besuchsverbot kam es zu massiven Einschränkungen in der Kommunikation zwischen Patientientinnen und Patienten und Angehörigen. Sie erlebten den Kontakt in dieser Zeit nur via Handy oder Tablet. Für Schwerstkranke, die zum Beispiel nach einem Schlaganfall nicht sprechen können, war dieser Kontakt oft nur einseitig. Es kam zum Verlust von körperlicher Nähe. Mimik und Körpersprache konnten am Telefon nicht wahrgenommen werden.

Die Patientientinnen und Patienten hatten ein unerfülltes Bedürfnis nach Nähe, Zuwendung und Beziehung und spürten den Verlust von emotionaler Unterstützung. Die Pflegenden erlebten Verhalten wie Rückzug, Ablehnung und Emotionen wie Wut, Trauer oder Resignation. Patienten suchten bei den Pflegekräften nach Nähe und Sicherheit. Zugleich wurde eine geringere Effektivität der Rehabilitationsmaßnahme wahrgenommen.

Für Angehörige bedeutete das Besuchsverbot, dass grundlegende Bedürfnisse nach Unterstützung und Verantwortung, sowie nach Nähe und Beziehung unerfüllt blieben. Sie erfuhren nur von Pflegenden oder Ärztinnen und Ärzten wie es ihren erkrankten Angehörigen ging. Ungewissheit und Informationsdefizite waren für Angehörige ein wesentlicher Belastungsfaktor, dementsprechend reagierten sie hilflos, verzweifelt und mit Unverständnis, aber sie wurden auch kreativ, schrieben Briefe und Karten und schickten kleine Geschenke zur Freude der Patienten ins Krankenhaus.

In den Interviews beschrieben die Pflegenden veränderte Anforderungen an ihre Rolle. Sie waren besonders als Vermittler und Bindeglied zwischen Angehörigen und Patient gefragt und versuchten die Defizite bezüglich Gesprächen, Nähe und Zuneigung auszugleichen und sahen sich dabei aufgrund ihrer engen Beziehung zu den Patienten als eine Art Ersatz der Angehörigen. Gleichzeitig erkannten sie, dass sie diesen Anforderungen nicht gerecht werden konnten und erlebten dies als Belastung.

Autoren: Solveig Stepan-Grauer, Natalie Jenner, Tanja Treibig, Martin Wiegand, Roman Kopp
Foto: privat

 

Im Rahmen eines qualitativen Forschungsdesigns erfolgte die Datenerhebung durch problemfokussierte, semi-Strukturierte Leitfadeninterviews (gegliedert in vier  Fragenblöcke mit 10 Hauptfragen sowie weiteren Vertiefungs- und Differenzierungsfragen). Nach Genehmigung durch die Pflegedienstleitung erfolgte ein gezieltes Sampling mit Kontaktaufnahme zu Pflegenden aus dem Bereich der neurologischen Frührehabilitation. Es wurden vier Interviews geführt, welche zwischen 17 und 27 Minuten dauerten. Unter den Interviewten waren drei weibliche und ein männlicher Pflegender mit fünf bis acht Jahren Berufsberatung. Die Datenerhebung fand Ende April/Anfang Mai 2020 statt.

Prof. Dr. Susanne Schuster, Projektbetreuung